Übergang Stampfbetonwand zur Natursteinmauer (Foto © Sirka Eggers)

Stampfbeton: Neubau eines Pfarrsaals in Herbolzheim

Ende Mai 2017 ist der Pfarrsaal der Kirchengemeinde Herbolzheim-Rheinhausen eingeweiht worden. Die Innenwände des eingeschossigen Neubaus sind in Sichtbeton erstellt, die Außenfassade besteht aus Stampfbeton. (Foto © Sirka Eggers)

In Kombination mit dem geradlinigen Gebäudeentwurf ist es K9 Architekten gelungen, Alt und Neu einfühlsam zu verbinden und moderne Architektur im besten Sinne zu erschaffen. „Da Neubau, barocke Kirche und denkmalgeschützter Altbau ein stimmiges Ensemble bilden sollen, war uns eine Fassade wichtig, die mit ihrer warmen Farbgebung einerseits zurückhaltend wirkt, aber gleichzeitig eine gewisse Ausdrucksstärke besitzt“, erklärt Marc Lösch, Geschäftsführer bei K9 Architekten. Das Freiburger Büro erzielte mit seinem Neubau- und Instandsetzungskonzept den ersten Platz bei dem 2013 von der katholischen Kirchengemeinde St. Alexius ausgelobten Wettbewerb.

Der neue Pfarrsaal passt sich ideal dem Gelände und der Bestandsbebauung an (Foto: Leopold Piribauer)

Archaisches Material mit Charme

Stampfbeton – das klingt nach Vergangenheit und großem Aufwand. Tatsächlich gehört der Baustoff zu den ältesten Betonarten und geht zurück auf das Anfang des 17. Jahrhunderts in Frankreich praktizierte Pisé-Verfahren, bei dem Lehm zu Wänden gestampft wurde. Beim Stampfbeton hingegen wird unbewehrter Beton auf Basis von Natursteinen und Zement durch Druckstöße verdichtet. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Material wegen seiner Dauerhaftigkeit und Druckfestigkeit für den Bau großer Fundamente und Brückenpfeiler eingesetzt. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Ära des Stahlbetons begann, geriet Stampfbeton in Vergessenheit. Seit einigen Jahren erlebt er eine Art Renaissance, weil das schichtweise Betonieren und Verdichten eine besondere Ästhetik ermöglicht. So ließ Peter Zumthor für seine Bruder-Klaus-Kapelle einen 12 Meter hohen Monolithen in der traditionellen Bauweise errichten bzw. „aus dem Boden stampfen“. Der Architekt wurde dabei von vielen freiwilligen Helfern unterstützt.

Stampfbetonbauweise erfordert Erfahrung und Präzision

Ähnlich arbeitsintensiv lief es bei dem neuen Gemeindezentrum in Herbolzheim ab: Der Stampfbeton wurde auf der Baustelle (geringer Wasserzementwert, C 25/30, Farbpigmente) angemischt und in erdfeuchter Konsistenz schichtweise in die Schalung eingebracht. „Die Verdichtung erfolgt in ’Handarbeit’ bzw. über arbeitsintensives Stampfen. Am Ende erhält man eine sehr dauerhafte und druckfeste Konstruktion mit einer markanten Oberfläche, bei der die Schichten ablesbar bleiben“, sagt Marc Lösch.

So ohne weiteres umsetzbar war die traditionelle Stampftechnik beim Gemeindesaal aber nicht: Zunächst mussten K9 Architekten eine Rohbaufirma finden, die sich in das heute wenig verbreitete Verfahren einarbeiten wollte. Die Kalt-Massivbau GmbH aus Lahr erwies sich als der geeignete Partner. In deren Betonlabor wurden zunächst mehrere Musterwände erstellt und die endgültige Betonrezeptur festgelegt. „Außerdem war eine spezielle Schalung erforderlich, damit später keine Ankerlöcher in der Oberfläche zu sehen sind. Die Schichthöhen haben wir vordefiniert und bei den Arbeitsabschnitten mussten die angrenzenden Schichthöhen exakt wieder aufgenommen werden. Insgesamt war das alles eine ziemliche Herausforderung, die die ausführende Firma aber wunderbar gemeistert hat“, sagt Architektin Sirka Eggers. Auch die Druckfestigkeit musste im Vorfeld nachgewiesen werden und die Probewürfel erreichten sogar einen höheren Wert als gefordert. In der Planungsphase hatte sich Sirka Eggers mit der Bitte um technische Unterstützung an das InformationsZentrum Beton gewendet. „Während der Beratungen war ich wirklich beeindruckt, mit welch professionellem Engagement ein so besonderes Projekt angegangen und vorbereitet wurde. Die Gemeinschaft aus sorgfältiger, kluger Planung und engagierter Ausführung durch den Bauunternehmer war ein großer Glücksfall.“, sagt Martin Peck, der die Planungen beratend unterstützt hat.

Die Nordseite des Gebäudes (Foto: Sirka Eggers)

Bautafel

Projekt: Katholisches Gemeindehaus Herbolzheim
Bauherr: Kath. Kirchengemeinde Herbolzheim- Rheinhausen, Hauptstraße 95, 79336 Herbolzheim
Architekten: K9 ARCHITEKTEN BDA DWB Borgards . Lösch . Piribauer, Rehlingstraße 9, 79100 Freiburg
Leistungsphasen: LPH 2-9
Tragwerksplanung: Walther & Reinhardt, Carl-Kuenzer-Straße 4, 79336 Herbolzheim
Beton: Stampfbeton, Beton mit geringem Wasserzementwert, Festigkeit C 25/30, Farbpigmente
Ausführung: Kalt Massivbau GmbH Waldstraße 77, 77933 Lahr
Sichtbeton (innen): Festigkeit C 25/30, rote Farbpigmente

Brutto-Grundfläche (BGF): 342 m2
Nutzfläche: 342 m2
BRI: 1.860 m3
Bauzeit: 12/2015 bis 05/2017
Gesamtkosten: 3,4 Mio. Euro (Neubau und Sanierung Altbau)

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13.11.2017

Veröffentlicht von Dipl.-Ing. Eric Sturm. Haben Sie auch eine interessante Meldung für architekturmeldungen.de? Kontaktieren Sie mich über das Kontaktformular, per E-Mail, via Facebook, Twitter, Google+ oder XING!