Online-Premiere: Die Dachkult-Rooftop Talks #10 – Teil 1: Das Haus am Buddenturm von hehnpohl architektur bda

13.11.2020

Gesponserter Beitrag

Bei den zehnten Dachkult Rooftop Talks gab es eine Premiere: Aufgrund der aktuellen Corona-Situation fand die Veranstaltung als Livestream statt. Thema am 26.10.2020 war die Atmosphäre unter dem Steildach: Licht – Raum – Dach.

Dabei ging es um die wichtige Frage: Wie wird Atmosphäre erzeugt? Und: Wie wird die wichtigste Qualität – das Tageslicht – im Dachraum in Szene gesetzt? Die beiden Münsteraner Architekten Christian Pohl (hehnpohl architektur) und Andreas Schüring – beide in Münster tätig – stellten dazu jeweils ein Münsteraner Projekt vor. Lichtdurchflutete Räume in steilen Dächern zum Arbeiten und Wohnen.

Die Verlegung der Veranstaltung ins Netz war einerseits schade, denn der geplante Veranstaltungsort liegt ganz in der Nähe eines der Architekturobjekte des Abends, man hätte das „Haus am Buddenturm“ vorab besichtigen können. Aber auch vor dem Rechner im Büro (wie in meinem Fall) wurde es ein spannender Architektur-Abend.

Das „Haus am Buddenturm“ von hehnpohl architektur, Münster

Den Auftakt des virtuellen Vortragsabends machte nach der Begrüßung durch Klaus H. Niemann, Sprecher von Dachkult und der Einführung von Prof. Jan Krause (Hochschule Bochum) der Münsteraner Architekt Christian Pohl.

Mit seinem Büro hehnpohl architektur plante und realisierte er das inzwischen sehr bekannte „Haus am Buddenturm“ am Rande der Altstadt von Münster. Das zurückhaltende und gleichzeitige spektakuläre Haus aus Mauerwerk, Beton und Holz wurde in den letzten Jahren vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem 1. Preis bei „Häuser des Jahres“ (siehe Video-Link unten) und mit dem Architekturpreis Beton 2020.

Im Folgenden Text finden Sie ausgewählte Folien aus seiner Präsentation.

Der Geist des Ortes und die Fluchten der Straße

In seinem Vortrag liess der Architekt die Entstehungsgeschichte des ungewöhnlichen Projektes Revue passieren und vermittelte die Formgebung sehr anschaulich anhand der lokalen und historischen Bezüge.

Tipp: Weitere Informationen und Fotos zum „Haus am Buddenturm“ finden Sie auf der Büro-Website von hehnpohl architektur bda.

Das schmale Grundstück liegt in der Buddenstraße, benannt nach dem Buddenturm aus dem 12. Jahrhundert, der in der benachbarten Münzstraße als Teil der ehemaligen Stadtbefestigung ca. 30 m hoch aufragt. Die Straße selbst – mit ihren zum Teil traufständig, zum Teil giebelständigen Häusern – ist altstadttypisch mehrfach gekrümmt.

Drei Fluchten in der Buddenstraße (Grafik: hehnpohl architektur bda)
Übertragung der drei Fluchten in die Fassade (Grafik: hehnpohl architektur bda)

Aus der Orientierung der Parzelle selbst sowie der der Nachbarhäuser zur Buddenstraße entwickelten die Planer drei Fluchten, die sie als prägendes Element in die segmentierte Fassade übernahmen: Für das Erdgeschoss, für das erste Obergeschoss und für das zweite Obergeschoss.

Kraggeschosse als Sinnbild für das traditionelle „städtische Haus“

Der Architekt wies in der Online-Präsentation auch die historischen Vorbilder hin, die für den Entwurfsprozess wichtig waren – ein mittelalterliches Brückenhaus in Bad Kreuznach oder traditionelle Wohnhäuser mit überkragenden Obergeschossen im südfranzösischen Carcassonne.

Ein weiteres, eher zeitgenössisches Bild spielte für die Architekten ebenfalls eine Rolle: Grob geschnitzte städtische Holzhäuser mit Kraggeschossen, die Lyonel Feininger in den 1920er Jahren als Kinderspielzeug entwarf, heute im Essener Folkwang-Museum zu sehen („Die Stadt am Ende der Welt“). Auch die einzelne Öffnung pro Geschoss und die Zentrierung dieser Öffnung „übernahmen“ die Planer aus diesem Vorbild.

Querschnitt und Kraggeschosse, Haus am Buddenturm (Grafik: hehnpohl architektur bda)

Die Dreiteilung der Fassade gibt dem Bau eine Erdung, zoniert die Fassade und ermöglicht darüber hinaus im Inneren hochwertige Raumsituationen und Ausblicke.

Über diese gestalterische Herangehensweise gewannen die Architekten nicht nur mehr Nutzfläche, sondern auch aussergewöhnliche Ausblicke, z. B. auf den Buddenturm, der von einer „normalen“ Fassade aus bei weitem nicht so bequem zu sehen wäre. Im Haus von hehnpohl architektur sitzen die Bewohner gemütlich auf einer Sitzbank „in“ der Fassade und schauen auf die Umgebung.

Im Inneren ermöglichen die Kraggeschosse Ausblicke auf Buddenturm und Observantenkirche (Grafik: hehnpohl architektur bda)

Licht aus dem Dach

Aufgrund der engen Grundstückssituation mit den komplett geschlossenen traufseitigen Wänden lebt das Gebäude, vereinfacht gesagt, durch das Licht „von oben“. Im Erdgeschoss fällt der Blick der Eintretenden auf einen Lichthof an der Rückseite des Hauses. An diesem befindet sich auch ein Multifunktionsraum, der von den Bewohnern z. B. als Gästewohnung oder Party-Location genutzt werden kann.

Die eigentlichen Wohnräume befinden sich im ersten mit Wohn-, Koch- und Essbereichen sowie dem zweiten Obergeschoss mit Arbeits- und Lesezonen plus Schlafzimmer und Bad. Ein „Dachzimmer“ (Christian Pohl) ist von hier aus über eine um den Kamin gewendelter Treppe erreichbar. In beiden Obergeschossen kommt das Licht nicht nur durch die großen Fensterflächen an den Giebelseiten, sondern auch über drei längliche Dachflächenfenster, die sich direkt über den Traufkanten befinden (siehe Schnittzeichnung oben und Dachaufsicht unten).

Drei längliche Dachflächenfenster befinden sich direkt über den Traufkanten sowie Nahe des Dachfirsts (Grafik: hehnpohl architektur bda)

Über die Dachflächenfenster fällt Tageslicht vom Dach in die oberen beiden Geschosse, darüber hinaus gelangt Tageslicht durch kleinere Lichtschächte auch ins Erdgeschoss. Feine Details unterstützen diese Wirkung. So ist beispielsweise der kleine Zwischenraum, mit dem die einläufigen Sichtbetontreppen von der Wand abgesetzt sind, nicht nur ein Stilmittel, um die wuchtigen Treppenläufe leicht erscheinen zu lassen – es ist auch ein Durchlass für Tageslicht auf dem Weg vom Dach von unten.

Feine architektonische Akzente für Atmosphäre unter dem Steildach

Auch unter und auf dem Dach haben die Planer von hehnpohl architektur feine Akzente gesetzt: Die Atmosphäre unter dem Steildach wird nicht nur von den horizontal verlaufenden Dachflächenfenstern bestimmt, sondern auch durch die – im Kontrast zu den rauen Sichtbetonflächen – feingliedrige Vertäfelung der Dachinnenflächen aus Weißtanne.

Das Dach selbst trägt dem ungewöhnlichen Zuschnitt des Grundstücks Rechnung: Da die straßenseitige Giebelseite schmaler ist als die hofseitige, die Traufe aber horizontal verläuft, steigt der First zum Hof hin an. Auf der Dachfläche selbst werden die Hohlfalzziegel von einem umlaufenden Kupferband begrenzt, die Dachrinne verläuft traufseitig darin verdeckt.

Hohlfalzziegel und umlaufendes Kupferband auf dem Dach des Haus am Buddenturm (Fotos: hehnpohl architektur bda)

Kupfer, Holz, Backstein und Beton

Die Materialität des Gebäudes mit seinen rauen Sichtbetonflächen war den Architekten sehr wichtig: Das ist neben Kupfer (u. a. für die Einfassung der Dachflächen oder großflächig für die Toröffnungen im Erdgeschoss eingesetzt), dem hellen Holz als Boden- und Treppenbelag eben dieser „grob geschalter Sichtbeton, der die Licht-Materialisierung zulässt“ (Christian Pohl).

Weitere Informationen und Fotos zum „Haus am Buddenturm“ finden Sie auf der Büro-Website von hehnpohl architektur.

📺 Und hier noch ein schönes Fundstück aus dem Netz: In diesem Youtube-Video, das der Fernsehsender n-tv anlässlich der Verleihung des „Häuser des Jahres“-Preises 2019 produzierte, erläutern und zeigen Architekt und Bauherr das Gebäude sehr anschaulich und verständlich.


Teil 2 der Dachkult-Rooftop Talks #10: Der Umbau Reiterkaserne auf dem Kulturcampus Münster

Im weiteren Verlauf des Abends stellte Andreas Schüring (Andreas Schüring Architekten BDA, ebenfalls aus Münster) den Umbau der denkmalgeschützten, ehemaligen Reiterkaserne auf dem Kulturcampus Münster vor.

Meinen Bericht darüber lesen Sie in Kürze hier auf architekturmeldungen.de – stay tuned!

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