Interview mit Prof. Mike Schlaich (TU Berlin) über Infraleichtbeton

Interview mit Prof. Mike Schlaich (TU Berlin) über Infraleichtbeton

Infraleichtbeton: Interview mit Prof. Mike Schlaich (TU Berlin)

Im August 2017 hatte ich zusammen mit dem Team von WWS Film BERLIN die Gelegenheit, Prof. Mike Schlaich (schlaich bergermann partner) in seinem Berliner Büro zum Thema Infraleichtbeton zu interviewen. (Foto: Fred Wagner)

Das Interview-Video finden Sie hier auf dieser Seite. Im Folgenden ein Transkript des Gesprächs mit Mike Schlaich, der den Baustoff an seinem Lehrstuhl der TU Berlin erforscht und entwickelt hat.

 

Herr Prof. Schlaich, was ist das Neue an Infraleichtbeton?

Wir haben tragende Wärmedämmung. Das ist, glaube ich, einer der großen Vorteile von Infraleichtbeton – dass ein Werkstoff alles übernimmt: Er trägt, er schützt vor Witterungen und er dämmt. Das können durchaus auch andere Materialien, zum Beispiel Holz. Holz hat aber einfach nicht die Dauerhaftigkeit von Beton und deshalb finde ich, ist Infraleichtbeton eine ernstzunehmende Alternative.

 

Wie kam es zur Entwicklung von Infraleichtbeton?

Leichte Betone gibt es schon sehr lange und Sie kennen zum Beispiel Schaumbetone wie Ytong, die als Mauerwerk verbaut werden. Was mich aber beeindruckt hat, waren die Schweizer „Sichtbetonhäuser“ die so um die Jahrtausendwende recht häufig gebaut wurden, die leichte und damit dämmende Betone im Wohnungsbau verwendet haben.

Was mir gar nicht gefallen hat, sind die hohlen Häuser, die hohl klingen, die „Tok-Tok-Tok-Fassaden“. Für mich ist das Haus doch eher was Festes und Dauerhaftes. Dieses „Tok-Tok-Tok“ liegt an der Wärmedämmung: Wir haben normalerweise heute aufgrund der Vorschriften 20 cm Beton und dann kommt Wärmedämmung drauf, mineralische Wärmedämmung wie Steinwolle oder Styroporplatten. Und alles muss verklebt werden und das Problem ist einfach, dass Sie am Ende Sondermüll haben! Wenn sie das Haus abreissen, kriegen Sie diese Mischung einfach nicht mehr auseinander.

Wir haben uns nun überlegt, wie man ganz leichte Betone machen kann. Und „ganz leicht“ haben wir infraleicht genannt, weil es eben nach Norm leichte, normale und schwere Betone gibt, die zwischen einer Tonne pro Kubikmeter und vier Tonnen pro Kubikmeter wiegen können. Und wir sind jetzt eben unterhalb der Leichtbetone angekommen – unterhalb, lateinisch infra – und deshalb haben wir unseren Beton infraleicht genannt, sowie Infrarot und Ultraviolett.

Die infraleichten Betone wiegen unter 800 Kilo pro Kubikmeter, das heisst, der Beton schwimmt im Wasser. Und weil er so leicht ist, ist er wärmedämmend. Die Leichtigkeit bekommen wir durch leichte Zuschläge. Zuschläge heisst normalerweise, dass Schotter oder Kies im Beton ist. Wir haben Blähton oder Blähglas als Zuschlag. Dadurch wird er eben leicht, porös, viel Luft ist eingeschlossen und wir haben plötzlich wärmedämmenden Beton!

Mike Schlaich im Interview-Video von WWS Film BERLIN (Foto: Fred Wagner)
Mike Schlaich im Interview-Video von WWS Film BERLIN (Foto: Fred Wagner)

 

In welchen Bereichen sehen Sie Anwendungsmöglichkeiten für Infraleichtbeton?

Das Anwendungsspektrum von Infraleichtbeton ist enorm, meiner Meinung nach. Wir haben 2007 schon ein erstes – wenn sie so wollen – Experimentalhaus gebaut, das hat sich bewährt. Man wohnt gut in diesem Haus und es steht nach 10 Jahren noch, ohne das z. B. viele Risse enstanden wären. Bei Leichtbetonen könnte man ja auch die Sorge haben, dass es Abrieb gibt. Hat alles prima funktioniert, wir haben jetzt zehn Jahre Forschung gemacht und nach zehn Jahren, nach verschiedenen Doktorarbeiten, Forschungsprojekten sind wir nun soweit, dass wir meinen, der Werkstoff ist reif für die Praxis.

Es hat also mit einem Einfamilienhaus angefangen, wir sind aber auch mit Supermarkt-Ketten im Kontakt, denn der Supermarkt ist auch ein idealer Einsatzort für diesen Werkstoff. Im Supermarkt geben Sie ja nicht die Kleider an der Garderobe ab, sie brauchen also nicht so viel Kühlung oder Heizung.

Infraleichtbeton-Versuche an der TU Berlin (Foto: Fred Wagner)
Infraleichtbeton-Versuchsobjekte an der TU Berlin (Foto: Fred Wagner)

 

Bei welchen Projekten Ihres Büros kommt Infraleichtbeton zum Einsatz?

Wir haben ein Projekt hier in Berlin, in Lichtenberg in Bau, mit Gruber + Popp Architekten, die Betonoase. Und mit Barkow Leibinger planen wir eine 10-stöckige Bebauung in der Nähe des Alexanderplatzes.

Wir sind also guter Dinge, dass das so weiter geht, es gibt eine enorme Nachfrage. Es gibt aber auch die Regelungen, die Normen und die kennen Infraleichtbeton noch nicht. Das heisst, im Moment müssen Sie für jedes Gebäude, dass Sie erstellen, eine Zustimmung im Einzelfall erwirken. Das schreckt manche Bauherrn, ist aber gar nicht so schlimm, zumindest in Berlin ging das in drei Monaten durch, in Bayern wird auch einiges gebaut in diese Richtung und auch da scheint die Zustimmung im Einzelfall kein großes Problem zu sein.

Der nächste Schritt ist dann die sogenannte allgemeine bauaufsichtliche Zulassung, wenn der Werkstoff wirklich in der Norm geregelt wird. Und auch da ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir soweit sind.

 

Warum eignet sich Infraleichtbeton besonders gut für das Recycling?

Was die Recyclingfähigkeit angeht, hat Infraleichtbeton Vorteile. Wenn Sie die heutigen Wärmedämmverbundsysteme ansehen, haben Sie einen wirren Materialmix aus mineralischen und organischen Werkstoffen, die miteinander verklebt sind und nachher kaum noch auseinander zu bekommen sind. Die Infraleichtbeton-Wände sind nicht besonders fest. Erinnern Sie sich an die Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, die kriegen sie nicht mehr auseinander. Infraleichtbeton bietet da vergleichsweise wenig Widerstand. Sie haben es nur mit einem Werkstoff und noch Bewehrung zu tun. Damit ist das Recycling ein großer Vorteil von Infraleichtbeton-Bauten.

Infraleichtbeton-Versuche an der TU Berlin (Foto: Fred Wagner)
Infraleichtbeton-Versuche an der TU Berlin (Foto: Fred Wagner)

 

Wie sieht es denn mit den Baukosten aus?

Die Kosten von Infraleichtbeton sind hoch, ein Kubikmeter Infraleichtbeton wird wahrscheinlich um die 400, 500 Euro kosten, am Anfang, der muss sich etablieren. Das ist viel mehr als normaler Beton, dafür sparen Sie die Wärmedämmung, dafür sparen Sie die Wartung, denn der Beton hält ewig – und je nachdem, zu welcher Lobby Sie gehören, rechnet sich das ganz toll oder weniger toll. Meine persönliche Überzeugung ist, dass eine Infraleichtbeton-Wand ungefähr das Gleiche kosten wird wie eine konventionelle Wärmedämmverbundsystem-Wand. Und eine Infraleichtbeton-Wand ist sicher preiswerter als eine steinverkleidete Wand.

 

Sie kommen ja viel in der Welt herum. Wo hat der Baustoff Ihrer Meinung nach das größte Potential?

Infraleichtbeton ist nicht nur ein Werkstoff für Deutschland. Infraleichtbeton kann prinzipiell überall eingesetzt werden, wo Sie leichte Zuschlagsstoffe haben. Das kann in Indien sein, wo sie Air Conditioning haben, das heisst, Sie wollen die Kälte im Haus behalten. Das kann in Griechenland sein, wo Sie Erdbeben-Probleme haben, denn Infraleichbeton ist sehr leicht und die Masse ist das Problem bei einem Erdbeben. Hier in Deutschland ist es tatsächlich hauptsächlich die Wärmedämmung, und ich kann mir schon vorstellen, dass das sich langsam rumspricht und bei der derzeitigen krassen Wohnungsnot wirklich helfen kann.

Ein Fassadenelement aus Infraleichtbeton (Prototyp für das Projekt von Barkow Leibinger in Berlin-Mitte; Foto: Fred Wagner)
Ein Fassadenelement aus Infraleichtbeton (Prototyp für das Projekt von Barkow Leibinger in Berlin-Mitte; Foto: Fred Wagner)

 

Und was bedeutet das Bauen mit Infraleichtbeton für die Architektur?

Stellen Sie sich vor: Zum ersten Mal seit der Ölkrise in den Siebziger Jahren können wir ohne großen Aufwand mit Sichtbeton bauen. Bisher haben Sie ganz aufwendige innenliegende Wärmedämmung oder Schichtenmaterialien, die schlecht zugänglich sind, jetzt gibt es einfach nur noch einen Werkstoff.

 

Wie verändert das die Art, zu bauen?

Sehen Sie, an der TU Berlin lehren wir das werkstoffübergreifende Entwerfen und Konstruieren der Tragwerke, ich bin ja Bauingenieur. Und für die jeweilige Aufgabe muss der richtige Werkstoff gewählt werden. Und der muss dann auch werkstoffgerecht eingesetzt werden, das heisst z. B. Stahl auf Zug, Beton auf Druck usw. Und nun stellt sich die Frage, wie setze ich Infraleichtbeton werkstoffgerecht ein? Denn der hat tatsächlich andere Eigenschaften als normaler Beton: Er ist nicht so fest, er dämmt, aber wie bringe ich dort einen Dübel rein, wie schließe ich ein Fenster an? Ich hab ja plötzlich gar keine Wärmedämmung! Ich kann jetzt den Balkon aus der Wand rauswachsen lassen, mein Balkon ist wärmedämmend. Diese ganzen Fragen sind hochinteressant und die versuchen wir zusammen mit Architekten anzugehen, denn es wird ganz neu gebaut werden mit diesem Werkstoff.
Für mich ist das Leicht bauen das Bauen der Zukunft. „Leicht bauen“ heisst nämlich Ressourcen schonen, Material minimieren und damit ist Leichtbau per Definition nachhaltig. Und der Begriff Nachhaltigkeit, den wir alle nicht mehr so richtig hören wollen, hat das Bauen komplett verändert. Er hat die Architektur und den Ingenieurbau dermaßen beeinflusst, dass man über solche Dinge täglich nachdenkt.

Herr Prof. Schlaich, besten Dank für das Gespräch!

 

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16.11.2017

Veröffentlicht von Eric Sturm. Haben Sie auch eine interessante Meldung für architekturmeldungen.de? Kontaktieren Sie mich über das Kontaktformular, per E-Mail, via Facebook, Twitter, Google+ oder XING!

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