Zukunftspavillon in Frankfurt am Main, 2016

Ein „Zukunftspavillon“ aus BauBuche für den Architektursommer Frankfurt/Offenbach

Auf dem Goetheplatz in Frankfurt am Main steht seit Ende 2015 ein 30 Meter langer und acht Meter hoher Fachwerk-Pavillon aus Buchenholz. Betrieben wird der sogenannte „Zukunftspavillon“ von den Veranstaltern des „Architektursommers Rhein-Main“ zusammen mit der Urban Gardening-Initiative „Frankfurter Garten“. Ein Jahr lang bietet der temporäre Bau Platz für Ausstellungen, Vorträge und Workshops.

Aussenansicht des "Zukunftspavillons" in der Dämmerung
Aussenansicht des „Zukunftspavillons“ in der Dämmerung

An dem zentral gelegenen Standort wirkt der Zukunftspavillon mit seiner Holzbauweise wie ein sympathischer Fremdkörper. Er ist umgeben von historischen Sandstein- und zeitgenössischen Vorhangfassaden, die rings um den zusammenhängenden „Riesenraum“ (FAZ) stehen, den der Roßmarkt, der Goetheplatz und der Rathenauplatz seit der Nachkriegszeit bilden. Mit dem Pavillon will die Stadt Frankfurt testen, wie ein querstehendes Gebäude an dieser Stelle zur Belebung des öffentlichen Raums beitragen könnte.

Filigraner Quader mit hellem Innenraum

Als Solitär in Ost-West-Richtung teilt der Pavillon den länglichen Stadtplatz. Das filigrane Fachwerk aus BauBuche ist in Längsrichtung in vier jeweils 7,50 m breite Felder geteilt. In den mittleren Feldern bilden auf Erdgeschosshöhe große Schiebetüren Zugang zum Gebäude. Sobald die Witterung es zulässt, werden sie geöffnet. „Die Passanten laufen dann quasi durch das Gebäude durch“ freut sich Ian Shaw.

Auf das Buchenholzfachwerk sind Fassadenplatten aus dem Fiberglas-artigen Material Scobalit montiert. Die transluzente Gebäudehülle dient nicht nur der Belichtung des Innenraums, sondern unterstreicht auch die Leichtigkeit des gesamten Bauwerks. Und in den Abendstunden leuchtet der langgestreckte Quader über den weiten Platz.

Zukunftspavillon in Frankfurt am Main, 2016
Ein Blick ins Innere: Café-Bereich und Bar

Der längliche Pavillon bietet in seinem Inneren bei Veranstaltungen mit Bestuhlung Platz für 90 Personen. Zwei eingestellte Kuben befinden sich an den beiden Enden des Raumes: auf der Ostseite die Bühne, auf der Westseite die Bar für den Café-Betrieb und die Sanitäreinheit mit umweltfreundlichen Kompost-Toiletten. Bis auf den Boden, der mit OSB-Platten belegt ist, wurden alle Einbauten mit Trägern und Platten aus BauBuche realisiert. Damit harmonieren sie gut mit der Holzrahmenkonstruktion aus demselben Material.

Ein Detail des Tragwerks aus BauBuche
Ein Detail des Tragwerks aus BauBuche

„Wir wollten so viel Holz wie möglich zeigen“, sagt Ian Shaw über den Entwurfsprozess. Auch um einen späteren Wiederaufbau zu ermöglichen, sollten nur Steck- und Schraubverbindungen zum Einsatz kommen. „Darum haben wir eine Stiftverbindungsmethode entworfen, die ohne Leim auskommt. Die BauBuche ist extrem stabil – man kann schlanke Profile damit erzielen“, so der Frankfurter Planer. Mit herkömmlichen Holzwerkstoffen wäre das nicht möglich gewesen.

Ein öffentlicher Raum für alle

Das Gebäude selbst ist ein öffentlicher Raum par excellence, der für alle Bürger offen steht. „Es soll kein formaler Ort sein, sondern ein Ort, an dem jeder sich wohl fühlt“ erläutert der aus Großbritannien stammende Architekt. Jeder, der seine Meinung zu Fragen der Stadtentwicklung oder der Zukunft des Wohnens äußern möchte, soll hier die Gelegenheit dazu haben. „Speaker’s Corner auf dem Roßmarkt“ titelte eine Lokalzeitung anlässlich der Eröffnung Ende 2015, weil Shaw den Pavillon mit der berühmten Ecke im Londoner Hyde Park verglichen hatte.

Neben dem täglichen Café- und abendlichen Bar-Betrieb sind bis zum Herbst 2016 Ausstellungen, Workshops und „Dinner Talks“ zur Feierabendzeit im Zukunftspavillon geplant. Außerdem Gartenbau-Aktionen, die direkt an der Fassade des Gebäudes stattfinden. Sie ist auf Höhe des Erdgeschosses mit saisonalen Gemüsesorten bepflanzt – im Winter Kohl, im Sommer Tomaten.

Pflanzenkübel statt Fundament

Doch die rings um das Gebäude aufgehängten Pflanzkübel dienen nicht nur dem Urban Gardening, sondern auch der Statik. Da der Pavillon nach einem Jahr Standzeit wieder abgebaut werden soll, durfte er nicht im Boden verankert werden.

In Zusammenarbeit mit dem Tragwerksplaner Achim Vogelsberg von Bollinger + Grohmann entwickelte der Architekt daher ein Verankerungsprinzip, das die Last der Pflanzkübel nutzt, um das Gebäude vor dem Abheben zu bewahren: Zugkräfte, die z. B. durch Windlasten aus der Fassade entstehen, werden über die Pfosten des Fachwerks in eine umlaufende Fußschwelle zu den vier Gebäudeecken geleitet. Dort wirken die mit Kies und Erde gefüllten Pflanzkübel als stabilisierendes Gegengewicht und sorgen dafür, dass der Zukunftspavillon nicht die Bodenhaftung verliert.

Projektdaten

Architektur: Ian Shaw, Frankfurt am Main
Tragwerksplanung: Bollinger + Grohmann, Frankfurt am Main
Standort: Goetheplatz in Frankfurt am Main
Bauherr: Architektursommer Frankfurt/Offenbach e.V.
Ausführende Firma: Hess Timber GmbH & Co. KG, Kleinheubach
Fertigstellung: 27. November 2015
Fotos: Chris Kister, Frankfurt

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17.05.2016

Veröffentlicht von Eric Sturm. Haben Sie auch eine interessante Meldung für architekturmeldungen.de? Kontaktieren Sie mich über das Kontaktformular, per E-Mail, via Facebook, Twitter, Google+ oder XING!