„Asien ist das Zentrum der Welt!“: Interview mit dem Architekten Ulf Meyer über Architektur in Ostasien und seinen Architekturführer Seoul

Ulf Meyer ist Architekturkritiker mit großem Interesse für Ostasien und derzeit als (Visiting) Professor an der Tamkang University in Taiwan tätig. Im antæusverlag ist 2014 sein „Architectural Guide Seoul“ erschienen.

 

Herr Meyer, Sie sind als Architekt zugleich auch Journalist, Autor und Dozent in einer Person. Sie haben über 1000 Artikel in deutschen und ausländischen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht. Was ist das Spannende an Architektur?

Architektur ist die einzige Kunstform, der man nicht entfliehen kann. Jeden Tag unseres Lebens sind wir von Architektur umgeben. Wer keine Kunst mag, geht nicht ins Museum, und wer keine Musik mag, geht nicht ins Konzert. Aber die gebaute Umwelt ist unentrinnbar. Deswegen sollte man Freundschaft mit ihr schließen.

Spannend an Architektur ist, wie sie über ihre Dinge außerhalb ihrer selbst „spricht“: Geschichte, Macht, Wirtschaft, Technik … alle diese Faktoren fließen in die Architektur ein und spiegeln sich in ihr wider. Architektur ist wie ein offenes Buch, wenn man beginnt, sie zu „lesen“ …

 

Wer sich mit Ihrer Biografie beschäftigt, erkennt unschwer Ihre Begeisterung für Ostasien. Sie haben in Japan gelebt und auch China, Singapur, Thailand, Taiwan, Malaysia und die Philippinen besucht. Jetzt sind Sie als Gastprofessor in Taiwan tätig. Was fasziniert Sie so an Ostasien?

Asien ist das Zentrum der Welt! Das mag man als Eurozentriker nicht wahrhaben wollen, aber in ostasien „spielt die Musik“. Die Entwicklung der Wirtschaft, der Diplomatie, der Umwelt, die Bevölkerungsentwicklung, die Urbanisierung, … alle diese Faktoren werden heute – und morgen! – maßgeblich von Ostasien geprägt.

Ich bin in einer an Ostasien interessierten Familie aufgewachsen und habe zunächst als Student China und Japan bereist – ich war so aus dem Häuschen, dass ich schon bald zurückwollte, um mehr zu sehen und zu verstehen – bis heute sind meine Neugierde und mein Wissensdurst nicht annähernd gestillt!

 

Sie haben u.a. Architekturführer über Tokio, Taiwan und Hongkong geschrieben. Im antæusverlag ist gerade Ihr englischsprachiger „Architectural Guide Seoul“ (Architekturführer Seoul) erschienen. Woher rührt Ihre Vorliebe für die Architektur großer asiatischer Städte, und auf Basis welcher Kriterien erfolgt die Auswahl?

Wer einmal eine der ostasiatischen Metropolen bereist hat, weiß, wie mitreißend sie sind. Alles, was man in Europa für unumstößlich hält, was Architektur und Städtebau betrifft, gilt dort nicht. Die Auswahl der Projekte basiert auf dem „weichen“ Kriterium der Relevanz. Es ist keine Positiv-Auswahl.

 

Was hat Sie bewogen, Ihre Reihe um einen Architekturführer über Seoul zu ergänzen?

Seoul ist eine faszinierende Stadt – und wurde von Europäern noch nicht gebührend entdeckt. Man denkt vielleicht, Seoul sei„nur“ eine Mischung aus chinesischen und japanischen Städten, aber Seoul ist sehr eigen, wie überhaupt die koreanische Kultur einzigartig ist, auch wenn Land und Stadt durch die bisweilen ungünstige Lage zwischen China und Japan stark geprägt sind. Seoul als Stadt an einer Systemgrenze, unweit von der innerkoreanischen Grenze entfernt, ähnelt insofern auch ein wenig West-Berlin – der Stadt, aus der ich komme.

 

Was ist das Besondere, das Charakteristische an Seoul, und worin unterscheidet sich die Hauptstadt Südkoreas aus Sicht eines Architekten am prägnantesten von anderen Großstädten Asiens?

Seoul ist stärker als alle Metropolen Ostasiens, die ich kenne, von Massen- und (Werks-) Siedlungsbau geprägt. Diese Bauform ist für das Stadtbild sehr dominant. Auch die Größe der Stadt ist enorm und überrascht Europäer; der Großraum Seoul ist eine der größten Agglomerationen der Welt! Seinen Charme entwickelt Seoul abseits der großen Straßen, in den Gassen und Stadtvierteln. Auch die Vielzahl der Kirchen überall in Seoul habe ich noch in keiner anderen asiatischen Großstadt so erlebt.

 

Welcher Stadtteil und welches Gebäude haben Sie in Seoul am meisten beeindruckt?

Der Umgang mit der japanischen Kolonialarchitektur in Seoul interessiert mich sehr. An ihm zeigt sich das koreanische Selbsverständnis und die nationale Identität als „Opfer“, das sich selbst befreit hat. Natürlich ist auch Gangnam – mittlerweile weltbekannt geworden – beeindruckend in seiner Vitalität, aber mir haben auch viele kleine, zeitgenössische Bauten gefallen, die von der aufblühenden Architekturszene Koreas zeugen.

 

Welche auffälligsten Veränderungen und Entwicklungen hat die Stadt in den letzten Jahrzehnten vollzogen, und wie bewerten Sie diese?

Ich kenne Seoul noch nicht jahrzehntelang und habe deshalb keinen Vergleich zu früheren Zeiten aus eigener Anschauung. Aber die Zunahme des Autoverkehrs und des Wohlstands, das enorme Stadt-Wachstum, davor die olympischen Spiele, die Regulierung des Han-Flusses und davor natürlich der Koreakrieg (1950-53), haben die Stadt dermaßen umgekrempelt, dass sie mit ihrem Selbst vor einigen Jahrzehnten nahezu keine ähnlichkeit mehr haben dürfte.

 

Sie haben sich auch mit umweltfreundlicher Bauweise beschäftigt. Welche Bedeutung kommt diesem Aspekt heute in den Ihnen vertrauten Ländern Asiens zu? Inwiefern befördern oder hindern Umweltvorschriften die Kreativität auf dem Reißbrett?

Je reifer die Volkswirtschaft eines Landes ist, desto höher entwickelt ist das Verständnis für umweltfreundliches Bauen. Das bedeutet, Japan und Singapur sind wohl in Ostasien in dieser Bewegung führend. Umweltfreundliches Bauen ist jedoch keine Geheimwissenschaft, die man
nur im Westen beherrscht und die man von Experten erlernen muss. Das wissen zum Glück auch die koreanischen Architekten.

 

Das Interview führte Dr. Stefanie Grote. Es erschien erstmalig in „Kultur Korea“ (Ausgabe 1/2014, hier als PDF zum Download), herausgegeben vom Koreanischen Kulturzentrum, Berlin. Weitere Informationen: kulturkorea.org

 

Ulf Meyer, 1970 in Berlin geboren, ist Autor, Architekturkritiker, und Dozent. Nach dem Architekturstudium an der TU Berlin und dem IIT Chicago arbeitete er unter anderem für Ingenhoven Architekten in Düsseldorf und Shigeru Ban Architects in Tokio. Er ist Verfasser unzähliger Artikel zu Architektur und Stadtplanung in Tageszeitungen, Fachzeitschriften und Internetportalen in Europa und Übersee sowie vieler Bücher wie „Tokyo Architecture“, „The Chinese City“ oder „Cities of the Pacific Century“. Darüber hinaus lehrte er an der Kansas State University, der University of Nebraska-Lincoln and Tamkang University in Taipeh, Taiwan. Ulf Meyer lebt und arbeitet in Berlin.

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