Die Dachkult-Rooftop Talks in Leipzig mit Sebastian Thaut und Thomas Kröger

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Die neunten Dachkult-Rooftop Talks am 31. August 2020 in Leipzig standen unter dem Motto „Steildach – Tradition oder Zeitgeist“. Bei der gut besuchten Abendveranstaltung in der Baumwollspinnerei präsentierten und diskutierten u. a. Sebastian Thaut vom Architekturbüro atelier ST aus Leipzig und Thomas Kröger, tka aus Berlin.

Rooftop Talks #9 am 31.08.2020 in Leipzig (Collage: dachkult.de)
Rooftop Talks #9 am 31.08.2020 in Leipzig (Collage: dachkult.de, Foto Am Deich: Jan Steenblock, Foto Thomas Kröger: Thomas Heimann, Foto Neue Räume: Werner Huthmacher, Foto Am Feldrand: Simon Menges)

Ein sommerlicher Architekturabend an einem historischen Ort

Das lauschige Abend-Event fand an einem historisch, zeitgeschichtlich und gesellschaftlich hochinteressanten Ort statt – der Leipziger Baumwollspinnerei am Rande des Stadtteils Lindenau. Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, wurde hier bis kurz nach dem Ende der DDR aus Baumwolle im großen Stil Garn gesponnen.

Die gründerzeitliche Fabrikstadt (heute ein beliebter Standort für Galerien, Künstler und andere Kreative) wuchs bis kurz vor dem ersten Weltkrieg auf 100.000 m² Nutzfläche in über 20 Gebäuden heran. Eines davon, das alte Klavierhaus ENK6, war am 31.08.2020 die Location für die neunte Ausgabe der Dachkult-Rooftop Talks in Leipzig.

Die Dachkult-Rooftop Talks #9 "Tradition oder Zeitgeist" in der Baumwollspinnerei Leipzig (Fotos: Eric Sturm)
Die Dachkult-Rooftop Talks #9 „Tradition oder Zeitgeist“ in der Baumwollspinnerei Leipzig (Fotos: Eric Sturm)

Thema des Abends: „Steildach – Tradition oder Zeitgeist“

„Ist ein Steildach nur traditionell geprägt oder trifft es den Zeitgeist moderner Architektur?“ In seiner traditionellen Eröffnungsansprache stellte Dachkult-Sprecher Klaus H. Niemann die Frage zum Thema des Abends: Tradition oder Zeitgeist? Antworten darauf gaben die beiden Architekten in ihren Vorträgen und der anschliessenden Diskussion.

„Seit der römische Architekt und Architekturtheoretiker Vitruv in seinem einflussreichen Werk im 1. Jahrhundert v.Chr. die „Urhütte“ – das Tugurium – beschreibt, ist diese Typologie eines schlichten Hauses mit geneigtem Dach Gegenstand architekturtheoretischer Reflexion. Heute wird die klassische Form des Steildachs hinterfragt, verformt, aufgebrochen und transformiert. Ist das Steildach wirklich so traditionell geprägt? Oder trifft es auch den Zeitgeist moderner Architektur?“

Aus der Einladung zum Event

Die Vorstellung der Referenten wie auch die Moderation des Abends insgesamt übernahm – wie schon bei den anderen Dachkult-Rooftop Talks – Prof. Jan R. Krause (Hochschule Bochum, Architektur Media Management). Er skizzierte die Lebenslauf-Eckpunkte der beiden Referenten (spannendes Detail am Rande: Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut „teilen“ sich eine Professur an der TU Darmstadt) und umriss die Intention der Dachkult-Events mit den Worten: „Wir wollen keine Produkt-Promotion machen, sondern wir wollen über Architektur reden“.

Dazu war im Folgenden auch reichlich Gelegenheit. Den Anfang machte Sebastian Thaut, der in seinem Vortrag schwerpunktmäßig die beiden (natürlich Steildach-)Projekte „Am Feldrand“ und „Neue Räume für die Scheune“ vorstellte. Zwei ungewöhnliche und individuelle Wohnhäuser im ländlichen Raum.

Kleiner Hinweis: Die folgenden Links im Text führen zu den ausführlichen Projektseiten auf den jeweiligen Büro-Websites.

„Die Geborgenheit des Steildachs“

Geneigte Dächer sind bei atelier ST kein Dogma (das Büro entwirft auch ganz andere Bau- und Dachformen), spielen aber eine wichtige Rolle. Und nicht nur dort, auch im Leben von Sebastian Thaut: Seinen Vortrag (siehe Video unten, ab ca. 30:00) eröffnete er mit einem Bild aus dem Familienalbum. Es zeigt den anderthalbjährigen Architekten in spe in einem Kinderspielhaus – natürlich unter einem geneigten Dach.

Die Übernachtung unter dem hölzenern Dachstuhl in einer alten Scheune als Jugendlicher, eine Flugreise nach Rom mit dem Blick über die dortige gewachsende Dachlandschaft oder die überwältigende Erfahrung des Besuchs im Pantheon prägten seine ersten bewussten Begegnungen mit Architektur und Raum. Mehrfach betonte Thaut das Motiv der „Geborgenheit“, die ein Steildach vermitteln kann.

„Bei uns überwiegt der Zeitgeist, aber wir schauen auch immer nach der Orts-Typologie, und fragen uns: Wie ist der Ort geprägt?“

Sebastian Thaut

Ein aktuelles Steildachprojekt des Büros ist das Kunsthaus, es entsteht zur Zeit in der Altstadt von Göttingen. Weitere Projekte mit geneigten Dächern entstehen momentan im Architekturbüro atelier ST, unter anderem zwei Wohnhäuser in Leipzig. Auch im Portfolio des Büros finden sich viele geneigte Dächer, meist Wohnbauten, von denen der Leipziger Architekt zwei detailliert vorstellte.

„Am Feldrand“

Die kleine Häusergruppe im Dorf Lichtentanne bei Zwickau befindet sich am Rand der dörflichen Bebauung. Entwurfsansatz war, die dörfliche Bebauung abzuschliessen, das Ensemble aber gleichzeitig in den weiten Landschaftsraum zu öffnen.

Das Projekt, fertiggestellt 2016, besteht aus einem zweigeschossigen Haupt-Wohnhaus, einer (u. a. für Pflanzen, aber auch für Feierlichkeiten genutzten, ungedämmten) Orangerie und einem Garagen- und Wirtschaftsgebäude. Die drei Bauten umschliessen einen privaten Garten, zu dem sich das Wohnhaus und Orangerie großzügige Fassadenöffnungen in den Erdgeschossen öffnen.

„Uns war es wichtig, ein zeitgemäßes Zeichen zu setzen, es aber auch einzuordnen in das Gebiet … und mit dem Thema des Daches gelingt uns das ganz gut, dass wir sagen: ‚es ist schon ein Teil dieser Wohnbebauung – es ist aber auch etwas anderes und etwas Neues‘.“

Im Innenraum des Wohnhauses spielt das Satteldach eine wichtige Rolle: Durch die Lufträume über dem Foyer, der Küche und dem Wohnraum ist der Dachraum und die Untersicht auf die Holzkonstruktion ein prägender Teil der Architektur.

Vortrag von Sebastian Thaut (atelier ST, Leipzig) bei den Dachkult-Rooftop Talks #9 (Fotos: Eric Sturm und Dachkult)
Sebastian Thaut (atelier ST, Leipzig) stellt das Projekt „Neue Räume in der Scheune“ vor (Fotos: Eric Sturm und Dachkult)

Leben unter einem großen Dach: „Neue Räume in der Scheune“

Das traditionelle Satteldach einer alten Scheune im Dorf Sermuth (Muldental, südöstlich von Leipzig) war vor Jahrzehnten bei einem Brand zerstört und DDR-typisch pragmatisch durch eine einfache Pultdachkonstruktion aus Platten ersetzt worden. Verschiedene Anbauten und Schuppen haben die Scheune darüber hinaus mit den Jahren überformt. Entwurfsansatz von atelier ST war bei diesem Projekt, alle Um- und Anbauten zu entfernen, und den Baukörper auf seine traditionelle Form samt Satteldach zurückzuführen, ohne die „Zeitschichten“ der verschiedenen Bauphasen zu verwischen.

So lässt der fertige Bau auf einen Blick erkennen, wo zuor das Pultdach verlief, gleichzeitig referenzieren die einfachen Materialien – Holz, Naturstein, Schlämmputz, sowie die Schiefereindeckung einiger Wand- und der gesamten Dachflächen – das regionaltypische Bauen.

Unter dem großen Satteldach bietet die neu interpretierte Scheune nun zwei Nutzungsbereiche: Wohnräume für eine junge Familie auf der einen Seite, gewerblich genutzte Räumlichkeiten für das Familienunternehmen auf der andern Seite des Gebäudes. Die „Ursprungsidee“ einer Scheune liessen die Architekten wieder aufleben: große Öffnungen („Tenne“) zum Hof und in die Landschaft. Und schon im Erdgeschoss sollen die Nutzer mit dem Blick in den Dachraum „spüren, dass man unter einem großen Dach lebt“.

Von Japan in die Uckermark – und nach Ostfriesland

Thomas Kröger arbeitete bei Norman Foster in London und bei Max Dudler in Berlin, bevor er 2001 sein eigenes Büro tka gründete. Das Büro plant Privathäuser, Galerien und Museen, Bürogebäude und Schulen. Seit 2019 ist Thomas Kröger Professor für Baukunst an der Kunstakademie Düsseldorf.

Im umfangreichen Portfolio des Büros finden sich eine Vielzahl von Häusern mit geneigten Dächern, daher hatte sich Kröger entschieden, nicht eines oder zwei Projekte ausführlich, sondern viele Bauten „im Pecha-Kucha-Stil“ zu präsentieren. Es wurde ein beeindruckender Steildach-Vortrag ;-)

Vortrag von Thomas Kröger (tka, Berlin) bei den Dachkult-Rooftop Talks #9 (Fotos: Eric Sturm und Dachkult)
Vortrag von Thomas Kröger (tka, Berlin) bei den Dachkult-Rooftop Talks #9 (Fotos: Eric Sturm und Dachkult)

Mit dem Bild eines Bauernhauses in der Uckermark und einer bekannten Skizze von Jörn Utzorn eröffnete der Berliner Architekt. Die Skizze zeigt die wesentlichen Bestandteile eines japanischen Tempels: Sockel und Dach: „Man hat einen Ort markiert, in der Landschaft, und der wird von dem großen Dach festgehalten“ so Krögers Interpretation der Utzorn’schen Zeichnung. Die Immaterialität der Wände, die hohe Transparenz der Fassaden, habe ihn auf Reisen in China und Japan sehr fasziniert.

Eines der ersten Gebäude seines Büros in der Uckermark, das „Schwarze Haus“ thematisisert genau diesen Ausblick in die Landschaft unter einem geneigten Dach. Aussen helles Holz, innen geschwärzt, damit der Blick ohne Reflektionen in die Umgebung schweifen kann.

Es sind klassische Typologien (Scheunen, Siedlerhäuser, teilweise bäuerliche Bauformen usw.), die das Büro tka in seinen Entwürfen weiterdenkt und an zeitgemäße Nutzungen und Funktionen anpasst: Innenräume unter offenen Dachkonstruktionen, teils im Bestand (z. B. in einem ehemaligen Kuhstall), teils in Neubauten, die häufig von regionalen Bauformen inspiriert wurden und – hier ähneln sich die beiden Büros des Dachkult-Events – diese Traditionen weiterentwickeln und neu interpretieren.

Vortrag von Thomas Kröger (tka, Berlin) bei den Dachkult-Rooftop Talks #9 (Foto: Dachkult)
Vortrag von Thomas Kröger (tka, Berlin) bei den Dachkult-Rooftop Talks #9 (Foto: Dachkult)

Ein passendes Beispiel ist das Haus „Am Deich“ (siehe Foto oben) – die Gebäudeform und Materialität ist inspiriert von dem ostfriesischen „Gulfhaus“ mit seiner asymetrischen Giebelform, aber auch die Architekturprinzipien des japansichen Architekten Shinohara beeinflussten Kröger und sein Team beim Entwurf des Gebäudes.

Hier einige (!) weitere hochinteressante Projekte, die Thomas Kröger in seinem Vortrag präsentierte (siehe Video des Live-Streams unten, ab ca. 1:04:00):

  • Die Osterhofschule im Schwarzwald, hier übernahmen tka eine Gebäudetypologie, wie sie in der Region schon seit Jahrhunderten existiert, aber auch „mit japanischen Holzbauten vergleichbar ist“.
  • Bei der Nachverdichtung einer Wohnsiedlung in Wedel bei Hamburg verlagerten tka die Abstellräume der Mieter und Nebenräume unter die Steildächer der vier Punkthäuser, weil die Bauten aus Kostengründen ohne Keller gebaut werden
  • Der Neubau des Wohnhaus Erhardstraße im Münchner Glockenbachviertel entstehen inmitten von denkmalgeschützten Nachbargebäuden vielfältige Dachformationen („München hat eine unglaubliche Dachlandschaft, die wollten wir gerne weitererzählen“)
  • Der Wettbewerbsbeitrag des Büros für den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek Berlin auf dem Tempelhofer Feld, dessen obere Geschosse unter einem Steildach liegen – laut Kröger eine „Riesen-Scheunenfigur“

Diskussion: Inspiration in der Fremde, bauen im Kontext

In der anschliessenden Diskussion mit Jan R. Krause, Thomas Kröger, Sebastian Thaut und Klaus H. Niemann stand zunächst die Frage nach der Inspiration im Raum: „Alle Häuser stehen in Deutschland, die Quelle der Inspiration scheint aber in der Ferne zu liegen“ eröffnete Jan R. Krause das Gespräch. Thomas Kröger wies darauf hin, wie wichtig es sei, sich aus dem Kontext zu lösen, um das Auge zu schärfen. „Mit dem Blick von aussen kann man mit dem heimischen Kontext besser arbeiten“ so Kröger.

Auch Sebastian Thaut und seine Partnerin „gehen auf Reisen, holen uns Inspiration“. Gerade in südlichen Ländern werde teilweise mit einer faszinierenden und verblüffenden Einfachheit gebaut – auch aufgrund des anderen Klimas. Wenn solche Ideen dann mitgebracht werden, „müssen sie natürlich für unsere hiesigen Bedürfnisse angepasst werden“. Das sei teilweise aufwändig. „Trotzdem braucht es immer den Blick über den Tellerrand“ erklärte der Leipziger Architekt.

Ein anderes Thema der Diskussion: Wo werden Traditionen übernommen, wo grenzt man sich ab? Beispiel Dachüberstand, bzw. der Verzicht darauf (Jan Krause: „Ist das nur noch Zeitgeist oder Modeerscheinung – oder kann man das konzeptionell begründen?“)

Sebastian Thaut: „Wir wollen uns natürlich auch abgrenzen. Beim Projekt „Am Feldrand“ hatten alle Nachbarbauten Dachüberstände, da wollten wir etwas anderes machen.“ Das sei aber kein Dogma, sondern komme auf die jeweilige Situation und Bauaufgabe an. Bei dem Projekt „Waldhaus“ sei es genau anders herum gewesen: „Hier haben wir genau das Gegenteil getan, da war uns gerade der Dachüberstand wichtig“ so Thaut.

Wir legen nie ein Schema über alle Projekte, sondern entwerfen individuelle Maßanzüge für jede Bauaufgabe und jeden Ort. „Copy & Paste“ gibt es bei uns nicht.

Sebastian Thaut

Der vermeintliche Gegensatz zwischen „Modern“ / „Flachdach“ und „klassisch“ / „Steildach“ wurde ebenfalls diskutiert: Thomas Kröger betonte, dass es „eben nicht nur das mittelalterliche Dach einerseits und die Moderne anderseits“ (und dazwischen nichts) gäbe. Er wies darauf hin, dass es in der Architekturgeschichte immer wieder Ansätze gab, „sich mit dem Thema Dach und Raum auseinanderzusetzen, z. B. bei der Hutfabrik von Mendelsohn in Luckenwalde – ein ganz expressives, starkes Dach, was auch aus seiner Funktion heraus entwickelt wurde.“

Diese Herangehensweise habe ihn schon immer sehr interessiert: „Wie schafft man es, an der Figur des Gesamtgebäudes zu arbeiten, ohne oben den Cutter anzusetzen“. In diesem Zusammenhang verwies Kröger auf die Nachkriegsarchitektur in Berlin: Die Stadt habe „mit seinen Notdächern nach dem Krieg sein Gesicht maßgeblich verändert. Und man sieht z. B. am Ku’damm noch bedeutende Dächer, die den innerstädtischen Raum stark prägen – neben den Qualitäten, die diese Dächer für das Gebäude selbst haben.“

„Es ist wichtig, dass man sich nicht nur eine Seite aussucht, entweder „flach“ oder „steil“ – sondern dass man versucht, eine Antwort zu finden, die spezifisch ist und aus der funktionalen und sinnlichen Logik heraus entwickelt wird.“

Thomas Kröger

Video: Der Dachkult-Abend in voller Länge

Hinweis: Der Live-Stream startet ab 17:30 min, also bitte kurz „vorspulen“ …

Plattform zur Förderung der Baukultur mit geneigten Dächern: Dachkult

23 führende Hersteller der deutschen und internationalen Baustoffindustrie haben sich in der Initiative „Dachkult“ zusammengeschlossen. Sie verein das gemeinsame Interesse für Architektur, Handwerk und Handel im Bedachungsmarkt. Die Initiative richtet sich in erster Linie an Planer und Architekten sowie Hochschulen und Universitäten mit der Fachrichtung Architektur und Bauingenieurwesen.

Jetzt anmelden: Die Dachkult-Rooftop Talks #10 in Münster am 26. Oktober 2020

Die nächste Dachkult-Veranstaltung, die Rooftop Talks #10 mit Christian Pohl und Andreas Schüring finden am 26. Oktober 2020 in Münster statt. Der Eintritt ist frei, die Anzahl der Plätze begrenzt – melden Sie sich jetzt kostenlos an »

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